22/01/2026 0 Kommentare
Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart - Episode 50
Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart - Episode 50
# Jubiläum250

Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart - Episode 50
Wehrpflicht in der NVA - Spatensoldaten
Wenige Monate nach dem Mauerbau, im Januar 1962, wird in der DDR die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Besonders die evangelischen Kirchen reagieren mit Kritik. Sie fordern die Möglichkeit auf Kriegsdienstverweigerung aus Glaubens- und Gewissensgründen. Die DDR-Führung gibt dem Druck nach und setzt am 16. September 1964 als einziges Land im Warschauer Pakt die Anordnung über den Dienst ohne Waffe in Kraft. Die sogenannten Bausoldaten sind aber Angehörige der Nationalen Volksarmee. Auf den Schulterklappen ihrer Uniformen ist ein Spaten abgebildet. Dass junge Männer in der DDR den Dienst mit der Waffe verweigern können, wird von den staatlichen Behörden unter der Decke gehalten. Es könnten zu viele werden und würde nach innen wie nach außen einen schlechten Eindruck machen.
Interview des PRORA-ZENTRUMS mit Norbert Mann, Jahrgang 1948

„Mein Name ist Norbert Mann. Ich bin 1948 in Merseburg an der Saale geboren. Meine Eltern stammten aus Oberschlesien und blieben dort aufgrund der Kriegswirren. Wir waren in der katholischen Kirche aktiv, die für uns wie ein Zuhause war. In unserer Jugendzeit stand oft die Frage nach der Teilnahme an Pionieren oder der FDJ im Raum, was für uns jedoch kein Thema war. Dank meiner älteren Geschwister konnte ich in dieser Hinsicht recht ruhig leben.
Während meiner Ausbildung stand ich vor der Entscheidung, ob ich studieren sollte oder nicht. Mein Lehrmeister brachte mir einen Aufnahmeantrag zur FDJ mit den Worten: „Du willst doch studieren, mach das mal.“ So schrieb ich den Antrag, um einen Studienplatz zu bekommen, und absolvierte letztendlich mein Studium. Ich wurde Berufsschullehrer und studierte in Dresden Berufspädagogik. Nach meinem Studium 1972 kam ich nach Stralsund, wo ich an einer kleinen Berufsschule für Binnenhandel tätig war.
Aufgrund eines Herzproblems erhielt ich während der Musterung einen Ausmusterungsschein, weshalb die Armee für mich keine Rolle spielte. In unserer Jugend wollten viele von uns nicht unbedingt zur NVA. Dennoch sahen mich meine Kollegen kritisch und zwangen mich beinahe, den Wehrpass zu unterschreiben, was ich verweigerte. Nach einer Untersuchung in Chemnitz stellte sich heraus, dass ich bedingt tauglich war. Dies führte dazu, dass ich beschloss, den Weg eines Bausoldaten zu gehen, da das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ für mich maßgeblich war.
Die Einberufung erhielt ich persönlich im Unterricht vom Direktor und einem Vertreter des Wehrkreiskommandos. Mithilfe eines weiteren Bausoldaten aus der Gemeinde erfuhr ich mehr über die Abläufe in Torgelow. Am Kasernentor ging es zunächst um Taschenkontrollen, wobei versucht wurde, Bibeln einzukassieren. Nur eine kleine Handtaschen-Bibel konnte durchgebracht werden. Das Gelöbnis oder der Eid stellten damals ein Problem dar.
In meiner Jugend- und Ausbildungszeit wurden wichtige Themen wie der Vietnamkrieg diskutiert, besonders in kirchlichen Bildungshäusern. Die Mauerbau und die zunehmende Spannungen zwischen den deutschen Staaten sowie der Kalte Krieg wurden sowohl in meiner Familie als auch in kirchlichen Kreisen thematisiert. Unsere Kirchengemeinde organisierte Gruppenaktivitäten und Jugendausflüge, die uns prägten.
Bei der Musterung traf ich auf einen Bekannten, der Leiter der Musterungskommission war, und dieser empfahl mir, ein ärztliches Attest zu besorgen, was letztendlich zu meinem Ausmusterungsschein führte. Im Studium musste ich daher keine Wehrpflicht erfüllen und arbeitete stattdessen in einem Betrieb bei Görlitz. Später in der Berufsschule wurde mir der Ausmusterungsschein abgenommen. Diese Vorkommnisse spielten sich etwa 1974 ab.“
Interviewerin: Wie wurden Sie über die Möglichkeit informiert, den Alternativdienst als Bausoldat leisten zu können?
„Das kannte man aus der Studienzeit. Wir waren in einer Studentengemeinde organisiert, hatten wöchentliche Vorträge und Gespräche über solche Themen. Man konnte sich auch jederzeit an den Pfarrer in Stralsund wenden, der Kontakte vermitteln konnte.“
Interviewerin: Und mit sechsundzwanzig Jahren wurden Sie dann Bausoldat?
„Ja, das war die letzte Möglichkeit zu jener Zeit. Viele Bekannte hatten ihre Einberufungsbescheide erhalten, ich nicht. Es hieß, ich sei vielleicht drumherum gekommen. Als ich in Chemnitz war, stand mein Motorrad vor dem Haus, und es wurde spekuliert, ob ich abgehauen sei.“
Interviewerin: Kannten Sie Ihre Frau bereits, als Sie den Einberufungsbescheid erhielten?
„Ich bin 1972 hierhergekommen und wir haben uns 1973 kennengelernt, hauptsächlich durch die Kirche. In Stralsund gab es ein großes Schiff, die Völkerfreundschaft, wo man viele junge Leute traf. Meine Frau ist etwas jünger als ich. Wir haben uns verlobt im Sommer 1974.
Interviewerin: Erinnern Sie sich an den Tag, an dem Sie nach Torgelow aufbrechen mussten?
„Wir mussten uns am Bahnhof sammeln, dann ging es mit dem Zug nach Pasewalk. Dort standen LKWs bereit. Ich fuhr zuerst zum Pfarrer Hensel, der mich zur Bahn brachte. Danach ging es weiter nach Torgelow, wo wir unsere Sachen auspacken mussten.
Interviewerin: Haben Sie sich auf die Zeit als Bausoldat vorbereitet?
„In unserer Gemeinde war das Thema nicht so präsent wie vielleicht in anderen Gemeinden. Der Pfarrer wies mich an, jemanden zu fragen, der bereits Bausoldat gewesen war. Ich war einer der wenigen aus Stralsund, die diesen Dienst leisteten.
Interviewerin: Wurden Sie von Torgelow noch anderweitig eingesetzt?
„ Ja, nach einem halben Jahr kamen wir nach Binz. Zwischen Binz und Prora gab es Baracken, dort wurden wir untergebracht. Unsere Aufgabe war es, Betonarbeiten für NVA-Ferienhäuser zu erledigen. Nach dem Mittagessen hatten wir Freizeit und konnten zum Strand gehen.“
Interviewerin: Waren alle zwanzig Personen in einer Gruppe?
„ Nein, wir waren nur zwölf. Später im Mai kamen neue Rekruten dazu, hauptsächlich Abiturienten.

Die Rekruten, die sich für eine längere Dienstzeit verpflichtet hatten, wurden zu Gruppenführern ernannt und sollten uns Anweisungen geben. Es entwickelte sich jedoch schnell eine schwierige Situation, da wir uns den Befehlen nicht beugen wollten. Egal, worum es ging, der leitende Offizier unterstützte seine Untergebenen in verschiedenen Angelegenheiten. Zum Beispiel erhielten wir Sanktionen wie Ausgangs- oder Urlaubssperren für geringfügige Vergehen, wie das Liegenbleiben trotz Wecksignalen.
[lacht] Die Öfen wurden von den Fluren beheizt, nicht? Und dann hab‘ ich das alles vorbereitet, so früh morgens Feuer gemacht und dann hieß es: „Ja, können Sie uns nicht Brot holen, Brötchen?“ Dann konnte ich die Straße wieder runter, zur Hauptstraße, da war ein Bäcker, der war auch katholisch [lacht].
Interviewer: Wohin ging es nach Binz?
„Es scheint, dass die Lockerungen durch die Helsinki-Konferenz dazu führten, dass wir nach Strausberg verlegt wurden. Dort waren wir sowohl in Bausoldaten- als auch Baupioniereinheiten untergebracht. Von dort aus wurden wir regelmäßig zu den Objekten der Nationalen Verteidigung transportiert und in verschiedenen Bereichen wie Küche und Straßendienst eingesetzt. Eine unserer Aufgaben war das Schneeschieben bei Schneefall, von den Toren des Objekts bis zur letzten Unterkunft.
Interviewer: Haben Sie diese Aufgaben die ganze Zeit über erledigt?
„Ja, diese Tätigkeiten haben wir konstant ausgeführt. Einmal beschwerte ich mich über die negativen Äußerungen eines Unteroffiziers gegenüber den Bausoldaten. Anstatt einer direkten Antwort wurde ich daraufhin von der Gruppe isoliert und in einer Kindertagesstätte eingesetzt, wo ich als Heizer tätig war und den Hausmeister unterstützte. Zu meinen Aufgaben gehörte es, Kohlen und Briketts in die Garage zu schaufeln und am Abend Eimer an die Öfen zu stellen.“
Interviewer: Und diese Kindertagesstätte war für Kinder von Armeeangehörigen?
„ Ja, genau.“
Interviewer: Welche weiteren Aufgaben hatten Sie dort?
„Ich wurde morgens mit einem Pkw, ein Wartburg, abgeholt und zur Kindertagesstätte gebracht. Meine Hauptaufgabe war das Heizen der Räumlichkeiten und die Unterstützung des Hausmeisters bei alltäglichen Aufgaben.
Die Leitung der Kindereinrichtung lag bei der katholischen Kirche.“
Interviewerin: War es schwierig für Sie, wieder in das zivile Leben zurückzufinden?
„ Nein, eigentlich nicht.
Interviewerin: Ok.
Der Befragte berichtet weiter, dass er nach seiner Zeit bei der Armee aufgefordert wurde, in der Reserve zu dienen, was er jedoch ablehnte, da er nicht als Reservist entlassen worden war. Stattdessen engagierte er sich in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) im Bereich des Zivilschutzes. Für männliche Jugendliche gab es damals die Verpflichtung zur vormilitärischen Ausbildung, während weibliche Jugendliche den Zivilschutz absolvierten. Der Befragte entschied sich, am Zivilschutz teilzunehmen und betont, dass es nicht immer einfach war, sich den Anforderungen zu entziehen. Dadurch konnte er fünf Jahre lang als Berufsschullehrer arbeiten, bevor er 1981 in den kirchlichen Dienst wechselte und in Stralsund ein kleines Altenheim mit 33 Bewohnern leitete.
Weitere bekannte Gemeindemitglieder die statt mit der Waffe ihren Dienst als Spatensoldaten absolvierten, sind: Thomas Mosch, Volker Sokolowski und Martin Kaczke. Sicher gibt es auch noch einige Gemeindemitglieder, von denen ihr Spatendienst nicht bekannt ist.
Reiner Eppelmann – Spatensoldat in Stralsund

Für Frieden und Gerechtigkeit kämpft auch Rainer Eppelmann, in der Übergangsregierung nach 1989 Verteidigungsminister der DDR. Wegen seiner Überzeugung sitzt er als Bausoldat acht Monate in Haft. Rainer Eppelmann erinnert sich: "Für mich hat es damals zwei Gründe gegeben: Der eine war, dass es in den Zehn Geboten verboten wird, zu töten. Der zweite Grund war der 13. August 1961. Bis zu dem Tag bin ich mit meiner Schwester in West-Berlin auf ein Gymnasium gegangen. Man hat es uns nicht in Ost-Berlin, wo wir lebten und wohnten, ermöglicht, das Abitur machen zu können. Das war mit dem 13. August zu Ende. Durch die Bausoldaten gab es für mich die Möglichkeit, nicht ganz zu verweigern. Dass ich trotzdem ins Gefängnis gehen musste, war mir zu dem Zeitpunkt zum Glück nicht klar." Das Gelöbnis der Bausoldaten 1966 wird Rainer Eppelmann zum Bausoldatendienst nach Stralsund einberufen. Die jungen Männer mit dem Spaten auf den Schulterstücken brauchen nicht den Fahneneid zu leisten. Für sie gibt es ein Gelöbnis, das sich aber kaum von dem Eid der anderen Soldaten unterscheidet. "Die Passage 'mit der Waffe in der Hand' war raus, aber der Rest war da: die Republik zu schützen, die Regierenden der DDR zu schützen, das Gebot des unbedingten Gehorsams", erzählt Rainer Eppelmann. Verweigerung und die Konsequenzen: Die Bausoldaten in Stralsund überlegen tagelang, ob sie das Gelöbnis verweigern sollen. Zwei entscheiden sich dann, es nicht abzulegen. In dem Bewusstsein, dass es Konsequenzen für sie haben wird, wie sie Rainer Eppelmann nennt: "Wir sind zuerst in Untersuchungshaft in Greifswald gewesen und dann nach Neustrelitz verlegt worden. Nach der Verurteilung - mein Kamerad zu zehn Monaten, ich zu acht Monaten - sind wir dann in die damalige Haftanstalt für Militärgefängnisse nach Ueckermünde verlegt worden." Als Rainer Eppelmann nach acht Monaten Haft entlassen wird, ist das Ganze für ihn noch nicht beendet. 18 Monate hätte er bei der Armee dienen müssen. Abzüglich der 14 Tage, die er schon in Stralsund verbracht hat, und der Zeit im Gefängnis muss er die restlichen zehn Monate als Bausoldat bei der Nationalen Volksarmee ableisten.
Wenige Jahre später produziert die Rockgruppe Renft in einem privaten Studio ein Lied über die Bausoldaten und bricht damit ein Tabu. Denn, dass es die Möglichkeit gibt, den Dienst mit der Waffe zu verweigern, soll nicht in die Öffentlichkeit dringen. Die Texter und Komponisten Gerulf Pannach und Christian Kunert werden wegen Wehrkraftzersetzung und staatsfeindlicher Hetze verhaftet. Das Bausoldatenlied "Glaubensfragen" und die Rockgruppe Renft werden verboten. Zum letzten Mal müssen Bausoldaten im Herbst 1989 einrücken.
Am 1. März 1990 tritt die Verordnung über den Zivildienst in der DDR in Kraft. Rainer Eppelmann über den Zivildienst:“ Bis heute gilt der Zivildienst in der Bundesrepublik als Ersatz für den Wehrdienst. Das ist für den heutigen Vorsitzenden der "Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur" Rainer Eppelmann noch nicht die Lösung. "Das, was jetzt den Zivildienst in der Bundesrepublik Deutschland ausmacht, ist sehr viel besser. Für mich aber ist es nicht das Endstadium dessen, was ich mir wünschen würde, solange es die Wehrpflicht gibt. Mir wäre sehr viel angenehmer, wenn es möglich wäre, aus bis zu zwanzig unterschiedlichen Angeboten, bei denen der Wehrdienst als eine Möglichkeit gesehen werden würde, aussuchen zu können. So könnten möglichst viele Ja sagen zu dem, was sie da, neun oder zehn oder zwölf Monate lang, tun."
Überarbeitet von Roland Steinfurth
Korrektur Wolfgang Vogt
Gemeinde Hl. Dreifaltigkeit Stralsund
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