21/05/2026 0 Kommentare
Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart – Episode 61
Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart – Episode 61
# Jubiläum250

Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart – Episode 61
Papst- Anekdoten Teil 1
In der Episode 37, Sie erinnern sich, oder lesen noch einmal nach, wurde über die ersten römischen Päpste nach der Gründung unserer Gemeinde Hl. Dreifaltigkeit im Jahr 1775 in Stralsund berichtet. Hier nun ein paar Anekdoten und lustige Geschichten aus dem Leben der in Episode 37 vorgestellten Päpste.
PIUS VI. (1775-1799) Giovanni Angelo Braschi
Geboren: 25. Dezember 1717 in Cesena - zum Papst gewählt: 15. Februar 1775
Gestorben: 29. August 1799 in Valence - beigesetzt: Sankt Peter, Rom
Bild: Pius VI.
Anekdote: Wo ist der Weitblick
Pius VI. war etwas mondän und stolz auf sein gutes Aussehen. In der Tat hatte er eine stattliche Gestalt. Selbst Goethe, der Pius VI. 1776 in Rom sah, erschien er als »die schönste und würdigste Männergestalt«. Der Papst war aber auch fromm und rechtschaffen und zeigte besonders in der Stunde der Heimsuchung großen Mut. Ihm fehlten aber vor allem Weitblick und Willensstärke.
Ein wichtiges Ereignis im Pontifikat Pius' VI. war der Konflikt mit dem Josephinismus in Österreich. Kaiser Joseph II. nahm eigenmächtig Reformen vor. Im Jahre 1781 erließ er das Toleranzpatent. Ein Jahr später verfügte er die Aufhebung der beschaulichen Orden.
Deren Vermögen wurde eingezogen und einem »Religionsfonds« einverleibt. Das Vorgehen des Kaisers bewirkte, dass Pius VI. zu einer wahren Verzweiflungstat griff und Ende Februar 1782 nach Wien reiste, um Joseph II. in seinem Reformeifer anzuhalten.
Trotz mehrerer Unterredungen mit dem Kaiser gelang es dem Papst nicht, etwas zu erreichen. Ein Trost für den Papst waren die herzlichen Kundgebungen des Volkes, die ihm überall auf der Reise zuteilwurden. Auf der Rückreise verweilte Pius VI. in Brixen und zelebrierte am Fest Christi Himmelfahrt im Dom das Hochamt.
Man erzählt sich, dass Seine Heiligkeit, als sie in Begleitung des Fürstbischofs Joseph von Spaur den Dom betrat, ausrief: »Che bella cappella!« Die Brixner, die hörten, dass ihre große Kathedrale mit einer Kapelle verglichen wurde, waren bestürzt und beleidigt.
Anekdote: Untergang des Papsttums
Die größte Demütigung seines Pontifikates erlitt Pius VI. durch die Französische Revolution. Im Jahre 1797 spitzte sich die Lage zu, als in Rom der französische General Duphot erschossen wurde. Das Pariser Direktorium ließ am 15. Februar 1798 Rom besetzen und die Republik ausrufen. In Sankt Peter ließen die Revolutionäre sogar ein Tedeum singen. Der Papst wurde festgenommen und nach Frankreich gebracht. Vergebens hatte der 80-jährige Papst gebeten, in Rom sterben zu dürfen. »Sterben können Sie überall«, antwortete ihm ein französischer Offizier. Als der Papst 1799 in Valence, wo man ihn »Bürger Papst« nannte, starb, glaubten viele, dass das Ende des Papsttums gekommen sei. Man nannte den Braschi-Papst Pius den Sechsten und Letzten.
PIUS VII. - (1800-1823) - Luigi Barnaba Chiaramonti
Geboren: 14. August 1742 in Cesena - zum Papst gewählt: 14. März 1800
Gestorben: 20. August 1823 - Beigesetzt: Sankt Peter, Rom
Bild: Pius VII.
Anekdote: französisches Exil
Chiaramonti, ein Benediktiner, wurde 1785 Bischof von Imola und Kardinal. Er war ein aufgeschlossener und reformfreudiger Oberhirte. In seiner Bibliothek besaß er sogar die Enzyklopädie von d'Alembert. Im Jahre 1797 erregte er mit seiner Homilie Aufsehen, als er sagte: »Werdet ganze Christen, dann werdet ihr auch gute Demokraten.« Sein Pontifikat war beherrscht von der Auseinandersetzung mit Napoleon, der im Februar 1808 Rom besetzte und den Papst ein Jahr später nach Savona und dann nach Frankreich bringen ließ. Erst 1814 konnte Pius VII. wieder in die Ewige Stadt zurückkehren. Die Tatsache, dass Pius VII. den Mut besessen hatte, Napoleon die Stirn zu bieten, während sich schon alle Regierungen des Kontinents vor ihm verneigten, brachte dem Papsttum ein großes Prestige ein. 1819 verfasste der französische Philosoph und Gesandte in Petersburg ein Buch mit dem Titel »Du Pape«
(Vom Papst), in dem er den unfehlbaren Papst in einer aus den Fugen geratenen Welt als Garantie für Ordnung und Stabilität hinstellte.
Auf dem Höhepunkt seiner Macht angelangt, wagte es Napoleon eines Tages zu seinem Häftling Pius VII. zu sagen: »Heiligkeit, die Römische Kirche kommt auch ohne Sie aus.« Darauf erwiderte der Papst, ohne mit der Wimper zu zucken: »Genauso wie Frankreich ohne Eure Kaiserliche Hoheit auskommen kann.«
LEO XII. - (1823-1829) - Annibale della Genga
Geboren: 22. August 1760 auf Schloss Genga bei Spoleto
Zum Papst gewählt: 28. September 1823 - Gestorben: 10. Februar 1829
Beigesetzt: Sankt Peter, Rom
Bild: Leo XII.
Anekdote: Taktieren im Slalom
Obwohl Leo XII. von einem rigorosen Reformgeist erfüllt war, besaß er doch nicht das Format, das die Zeiten erforderten. Seine ersten Maßnahmen schienen dem römischen
Sprichwort Recht zu geben, nach welchem die Regel eines jeden Papstes jene sei, sich um die seines Vorgängers nicht zu kümmern. Um den Bruch mit Pius VII. besonders hervorzuheben, verlegte Leo XII. die Residenz des Quirinals, wo er übrigens gewählt wurde, in den Vatikan und entließ den genialen Kardinalstaatssekretär seines Vorgängers, Consalvi.
1825 ließ Leo XII. das Heilige Jahr besonders feierlich begehen. Aus Furcht vor Revolutionären, die die Einheit Italiens herbeiführen wollten, ließ er jeden Rompilger nach feindlichen Schriften und unerlaubten Waffen durchsuchen. Hart ging der Papst gegen den Geheimbund der Carbonari vor.
Mit drakonischer Strenge ging er auch daran, die Stadt Rom moralisch zu erneuern. Der Kardinalvikar sollte die Gläubigen, die ihrer Osterpflicht nicht nachkamen, mit Gefängnis bestrafen. Was aber den Unmut der Bürger am meisten erregte, war das berüchtigte Gesetz der Cancelletti, das den Wirten verbot, in ihren Schenken Wein zu verkaufen.
Während des Konklaves, aus dem der Kardinal Della Genga als Papst hervorgehen sollte, zirkulierte in Rom die Pasquille: »Chi vuol che l'ordine in tutto venga, preghi che scelgasi il Della Genga - Wer will, dass überall wieder Ordnung herrsche, der bete, dass gewählt werde Della Genga.«
Als Leo XII., der sich äußerst verhasst gemacht hatte, 1829 starb, hieß es in einer Schmähschrift:
HIER RUHT
DELLA GENGA
ZU SEINEM UND
UNSEREM FRIEDEN
Während seines Pontifikates sagte ein Kanoniker des Laterans, man müsse, um in der Kurie Karriere zu machen, den alten Traktat »De barcamenando – Über das Lavieren« gut beherrschen. Ein Prälat aus dem Trentino hingegen meinte, man sollte Kenntnisse im Slalomfahren haben.
PIUS VIII. - (1829-1830) - Francesco Saverio Castiglioni
Geboren: 20. November 1761 in Cingoli (Ancona)
Zum Papst gewählt: 31. März 1829 - Gestorben: 30. November 1830
Beigesetzt: Sankt Peter, Rom
Bild: Pius VIII.
Anekdote: Verschnupft
Schon beim Konklave 1823 galt Kardinal Castiglioni als »papabilis«. Jetzt hinderte ihn seine Krankheit daran, jene Rolle zu spielen, welche die schwierigen Zeiten vom Oberhaupt der katholischen Kirche erforderten. Pius VIII. war bei aller Prinzipientreue im Gegensatz zu seinem Vorgänger ein Mann von Weitblick. Obwohl er einen versöhnlichen Geist besaß, vermochte aber auch er nicht, die ständig zunehmenden Agitationen der Geheimbünde im Kirchenstaat, die die Einigung Italiens erzielen wollten, einzudämmen. In der Kirchenpolitik war Pius VIII. ganz von seinem Österreich ergebenen Staatssekretär Giuseppe Albani abhängig, der aber, nach einem Wort Stendhals, trotz seiner 80 Jahre dreimal mehr Geist und Tatkraft besaß als sein Vorgänger Tommaso Bernetti.
Der Papst, der sich vornehmlich religiösen Aufgaben widmete, entwickelte trotz seiner Gebrechen eine erstaunliche Tätigkeit. Dennoch sagten die Römer von ihm: »Egli è un buon vecchio, egli dorme sempre e tutto sta in pace - Er ist ein guter Greis, er schläft immer, und alles hat seine Ruhe.«
Als Pius VIII. eines Tages einen Monsignore im Vatikan antraf, der beim Brevier Beten sich anschickte, eine Prise Schnupftabak zu nehmen, sagte er: »Was, Sie schnupfen beim Beten?« Darauf erwiderte der Ertappte: »Sie irren, Heiliger Vater, ich bete beim Schnupfen.«
GREGOR XVI.- (1831-1846) - Bartolomeo Alberto Cappellari
Geboren: 18. September 1765 in Belluno
Zum Papst gewählt: 2. Februar 1831 - Gestorben: 1. Juni 1846
Beigesetzt: Sankt Peter, Rom
Bild: Gregor XVI.
Anekdote: Familienname Papst
Dieser an sich gelehrte Papst war völlig der Tradition verhaftet und hegte größtes Misstrauen gegenüber den liberalen Aspirationen der Zeit. So nannte er in der Enzyklika
»Mirari vos« die Gewissensfreiheit einen Wahnwitz. Rom hat er nur selten und Italien nie verlassen. Er sprach auch keine Fremdsprachen und von der Politik verstand er wenig. Verdienste hat sich Gregor XVI. jedoch auf die Gebiete der Missionen erworben. Ansonsten war er liebenswürdig, fromm und anspruchslos. Auch sein Äußeres war nicht gerade anziehend.
Das auffallendste Merkmal seiner Gestalt war die große und rot gefärbte Nase, die beim Volk den Verdacht aufkommen ließ, er habe eine Schwäche für gute Weine. In Wirklichkeit war sie aber die Folge übermäßigen Tabakschnupfens, das schließlich zu einer Entzündung führte.
Von Gregor XVI. wird erzählt, dass er einmal einen Kardinal in Audienz empfing und ihm eine Prise Schnupftabak anbot. Darauf antwortete die Eminenz:
»Heiligkeit, dieses Laster habe ich nicht.« Der Papst entgegnete schlagfertig: »Es ist kein Laster, denn, wenn es eines wäre, hätten Sie es.«
Eines Abends überraschte König Friedrich Wilhelm IV. eine gesellige Runde in Berlin, mit der er sich öfters traf, mit der Nachricht: »Heute muss ich Ihnen etwas mitteilen, was unglaublich klingt. In Rom hat der Pabst geheiratet, ich habe ihm alles Gute gewünscht!«
Unter Gregor XVI. gehörte der preußischen Gesandtschaft im Vatikan ein Mitglied namens Pabst an.
PIUS IX. - (1846-1878) - Giovanni Maria Mastai-Ferretti
Geboren: 13. Mai 1792 in Senigallia - Zum Papst gewählt: 16. Juni 1846
Gestorben: 7. Februar 1878 - Beigesetzt: San Lorenzo fuori le Mura, Rom
Seliggesprochen: 3. September 2000 - Als Seliger verehrt: 7. Februar
Bild: Pius IX.
Anekdoten
Mit der Enzyklika »Quanta cura« und dem so genannten Syllabus, das heißt einer Zusammenstellung der hauptsächlichsten Irrtümer der Zeit, verwarf Pius IX. die Idee, der Papst solle sich mit dem Fortschritt, dem Liberalismus und der modernen Zivilisation aussöhnen.
Unter diesem Pontifikat definierte das Erste Vatikanische Konzil 1869-1870 die Lehre vom Primat und die Unfehlbarkeit des Papstes.
Viele freuten sich damals darüber und hofften, dass der Papst möglichst viele unfehlbare Definitionen vornehmen möge. Der Ire George Ward äußerte sogar den Wunsch, jeden Morgen zugleich mit dem Frühstück und der Zeitung auch eine unfehlbare päpstliche Enzyklika serviert zu bekommen. Pius IX. war von einer überstarken Erregbarkeit.
Nachteilig war auch seine oberflächliche und rudimentäre Ausbildung, wie sie damals bei den meisten Priestern Italiens anzutreffen war. Vor allem war der Papst nicht imstande, die Vielschichtigkeit der verschiedenen Probleme zu sehen. Pius IX. hatte aber viele Vorzüge. Vor allem war er eine stattliche, ja bezaubernde Erscheinung, besaß Witz, Phantasie sowie ein tiefes religiöses Empfinden.
Die Unfehlbarkeitserklärung des Ersten Vatikanischen Konzils fand auch in der Ewigen Stadt nicht nur Befürworter. Da gab es vor allem bösartigen Pasquillen.
Pasquino kommentierte das Ereignis wie folgt: »I.N.R.I. - Io Non Riconosco Infallibilità - Ich erkenne die Unfehlbarkeit nicht an.« Die vier Buchstaben weisen ansonsten auf die nach Johannes 19,19 von Pilatus am Kreuz Christi angebrachte lateinische Inschrift hin:
Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum. Louis Veuillot erzählt in einem seiner Briefe, wie er eines Tages P. Carrière, den Generaloberen der Sulpizianer, bei Pius IX. einzuführen hatte. Nachdem der Papst den ehrwürdigen Pater mit Freude begrüßt hatte, bat er ihn, Platz zu nehmen. Der bezeichnete Stuhl war aber mit Zeitungen bedeckt. Der Gast, verwirrt, machte Anstalten, sie zu entfernen. »Ach«, sagte der Papst, »das sind revolutionäre Zeitungen, da können Sie sich ruhig draufsetzen.«
Am 20. September 1870, kurz nach der Unfehlbarkeitserklärung, besetzten die Piemonteser die Stadt Rom und bereiteten so dem Kirchenstaat für immer ein Ende.
Papst Pius IX. exkommunizierte alle Urheber und Teilnehmer an der Eroberung der Ewigen Stadt. Damit war auch der italienische König Viktor Emmanuel II. von der Kirche ausgeschlossen. Man erzählt sich nun, dass der Papst, um jegliches Missverständnis zu vermeiden, den Kanonikern von Sankt Peter zu Weihnachten verboten hat, die Antiphon »O Emmanuel ... « zu singen.
Monsignore de Merode, der Minister der päpstlichen Armee Pius' IX., hatte eine sehr scharfe Zunge.
Eines Tages brach er sich ein Bein. Dies veranlasste Pius IX. zu der Bemerkung: »Besser wäre es gewesen, er hätte sich die Zunge gebrochen.«
Pius IX., der durch seinen feinen Humor bekannt war, bot einmal die Ehe - es war die von Frédéric Ozanam - Anlass zu einer witzigen Bemerkung. Eines Tages sprach er mit P. Lacordaire, der über diese Ehe eher traurig als fröhlich zu sein schien. »Mein Freund Ozanam«, sagte der Dominikaner, »ist in die Falle der Ehe geraten.« - »Wie kann das sein«, entgegnete der Papst, »wollen Sie behaupten, unser Herr hätte sechs Sakramente und eine Falle eingesetzt?«
Weil Pfingsten vor der Tür steht, noch eine Episode die 750 Jahre her ist. 1276 war das einzige Jahr, in dem vier Päpste in Rom die Weltkirche regierten.
Vier Päpste in einem Jahr - das Jahr 1276 vor 750 Jahren
Am 10. Januar 1276 starb Papst Gregor X. Sein Tod eröffnete das bisher einzige Vier-Päpste-Jahr. Nacheinander bestiegen nach Gregors X. Tod ein Thelogieprofessor, ein Diplomat ohne Priesterweihe und ein Arzt den Stuhl Petri in Rom.
Jahre, in denen drei Päpste herrschten gibt es einige. Das bislang letzte war 1978 mit Paul VI. (1963-1978), Johannes Paul I. und Johannes Paul II. (1978-2005). Daran können wir uns noch erinnern, denke ich. In einer späteren Episode werden wir auch auf Sie eingehen.
Die letzten Tage der Amtszeit von Gregor X. im Januar 1276 aber eröffneten das bisher einzige Jahr in der Kirchengeschichte, in dem es vier Päpste gab.
Ins Amt gekommen war Gregor X. durch die längste Papstwahl der Kirchengeschichte – die fast drei Jahre dauerte.
Von November 1268 bis 1. September 1271 hatten sich die 18 in Viterbo nördlich von Rom versammelten Kardinäle gestritten, ob ein Franzose oder ein Italiener auf den Stuhl des Petrus steigen sollte. Schließlich einigte man sich auf den Kompromisskandidaten Tedaldo Visconti, der sich Gregor X. nannte. Weil seine eigene Wahl so lange gedauert hatte, reformierte Gregor das Papstwahlverfahren und führte das Konklave ein. Der Ausdruck bezog sich auf die verschlossenen Räume, in denen sich die Kardinäle künftig zur Wahl versammeln sollten.
Gregor X.
Geboren in Piacenza um 1210, gestorben in Arezzo 10.1.1276; Papst seit 1.9.1271,
Gewählt nach dreijährigem Gefeilsche. Man sperrte die Kardinäle im Papstpalast von Viterbo ein, das Dach wurde schließlich abgedeckt und der Entzug von Nahrung angedroht, wenn sich die hohen Herren nicht endlich auf einen Nachfolger für Klemens IV. einigten. Das gelang aber nach dreijährigem Gefeilsche erst, als man die Wahl einem Sechsergremium übertrug, das nach weiterem Tauziehen Teobaldo Visconti benannte. Der adlige Archidiakon von Lüttich war kurienfern genug, die Fronten zwischen den Anhängern Karls von Anjou, des neuen Herrn von Neapel-Sizilien und Oberitalien (1266-1285), und den Freunden der von ihm ausgelöschten staufischen Dynastie zu überbrücken. Außerdem war Visconti ein versierter Politiker, ja Kriegsmann, der von seiner Wahl denn auch in Akkon erfuhr, wohin er den englischen König Eduard I. auf einem Kreuzzug begleitet hatte. So dauerte es noch einmal fast ein halbes Jahr, ehe der Gewählte sein Amt unter dem Namen Gregor X. antreten konnte.
Anders als seine ängstlichen Vorgänger wagte er die Rückverlegung seiner Residenz nach Rom, von wo aus er umgehend zu einem Konzil einlud. Er wollte nämlich, entsetzt von den Zuständen im Heiligen Land, so rasch wie möglich einen neuen Kreuzzug organisieren. Dazu ermutigte er die deutschen Kurfürsten, wieder einen König zu wählen, und stimmte deren Kandidaten Rudolf von Habsburg zu, der das seit 1254 andauernde Interregnum im Heiligen Römischen Reich 1273 beendete.
Das Konzil, das 14. ökumenische, fand in Lyon statt. Gregor gelang es, von der Ostkirche des byzantinischen Kaisers Michael VIII. Palaiologos (1259-1282) die Anerkennung des päpstlichen Primats zu erlangen und damit - wenn auch nur vorübergehend - die Wiedervereinigung der gespaltenen Kirche zu erreichen. Das war für den geplanten Kreuzzug ebenso wichtig wie für das eigene politische Gewicht. Es trug wesentlich dazu bei, dass König Rudolf (1273-1291), den der Papst im Oktober 1275 in Lausanne traf, auf alle Ansprüche auf kirchliche Territorien und auf Sizilien endgültig verzichtete und dass die meisten Herrscher des Abendlands sich zum Kreuzzug bereit erklärten. Er kam dann doch nicht zustande, und auch die mit Rudolf für den 2.2.1276 vereinbarte Kaiserkrönung erledigte sich durch das plötzliche Ableben Gregors X. nach einem winterlichen Alpenübergang. Erfolg hingegen hatte die auf dem Konzil verkündete Neuregelung der Papstwahl: Zur Vermeidung überlanger Sedisvakanzen war bestimmt worden, dass die Kardinäle spätestens zehn Tage nach dem Tod des Papstes an dessen Sterbeort ins Konklave zur Bestimmung des Nachfolgers gehen sollten. Kontakt zur Außenwelt ist den Kardinälen seitdem während des Wahlverfahrens untersagt.
Gregor X. war Papst in einer Übergangszeit: Einerseits war die Macht der Päpste gewachsen; andererseits gerieten sie zunehmend in die Machtkämpfe anderer europäischer Herrscher. Die Entwicklung der Bettelorden von Franziskanern und Dominikanern entsprach einer verbreiteten spirituellen Grundströmung. Der innerkirchliche Reformstau, dem sich ihr Entstehen auch verdankte, löste sich indes so schnell nicht auf.
Am 10. Januar 1276, vor 750 Jahren, starb Gregor X. im mittelitalienischen Arezzo und wurde im dortigen Dom begraben. Elf Tage danach wurde Innozenz V. (Pierre de Tarentaise aus Savoyen) gewählt - nur einen Tag nach Beginn des von seinem Vorgänger streng reglementierten Konklaves.
Der Dominikaner Mönch, Professor an der Pariser Sorbonne und früherer Mitarbeiter der damaligen Top-Theologen Albertus Magnus und Thomas von Aquin, war das erste Mitglied seines Ordens auf dem Papstthron.
INNOZENZ V.
Geboren in Savoyen um 1224, gestorben Rom 22.6.1276; Papst seit 21.1.1276,
Ohne Mut und Geschick, mit dem schon elf Tage nach dem Ableben Gregors X. gewählten Franzosen Pierre de Tarantaise, der als Innozenz V. amtierte, begann eine Reihe ziemlich kurzer bis sehr kurzer Amtszeiten. In dem halben Jahr, das dem neuen Papst blieb, vermochte er nicht viel zu bewegen, und das, was er bewegte, führte eher zu Friktionen als zu Fortschritten.
Innozenz war Dominikanermönch und Gelehrter, der mit so bedeutenden Kirchenlehrern wie Thomas von Aquin (um 1225-1274) und Albertus Magnus (um 1200-1280) gearbeitet und selbst wichtige Schriften über Ethik und Bibelauslegung verfasst hatte.
Vom Vorgänger war er 1272 zum Erzbischof von Lyon und im Jahr darauf zum Kardinalbischof von Ostia ernannt worden. In seinem französischen Sprengel fand das Konzil statt, das der künftige Papst entscheidend mitprägte und auf dem er sich für den Kreuzzug einsetzte. Er begleitete Gregor dann auf dessen letzter Reise, nahm auch am Gespräch mit dem deutschen König Rudolf I. teil, setzte aber nicht die Politik des Vorgängers fort, die auf einen starken Kaiser gesetzt hatte, der dem Italien dominierenden Karl von Anjou hätte, Paroli bieten können. Er lud Rudolf sogar von der vereinbarten Kaiserkrönung aus - die Meinungsbildung in der Kurie sei noch nicht abgeschlossen.
Für Gregors kühne Doppelstrategie fehlte es Innozenz an Geschick und Mut, und er gefährdete aus Respekt vor Karl von Anjou schließlich sogar den Kreuzzug und die gerade wiedergewonnene Kircheneinheit: Karl nämlich plante die Rückgewinnung Konstantinopels für den Westen und stand daher in Feindschaft zum dortigen Kaiser Michael VIII. Palaiologos. Innozenz ließ sich in diese Konfrontation hineinziehen, verlangte von der Ostkirche völlige Unterwerfung und machte damit alle Hoffnungen auf Wiedervereinigung zunichte.
Dort gelangte der hoch qualifizierte Theologe schnell in die politischen Mühlen Karls I. von Sizilien und dessen Kampf gegen den deutschen König Rudolf von Habsburg.
51-jährig starb Innozenz V. am 22. Juni 1276 an Malaria-Fieber in Rom, nach nur fünf Monaten und einem Tag im Amt. 19 Tage später, am 11. Juli, wählten die elf Kardinäle im Konklave den aus Genua stammenden bisherigen päpstlichen Diplomaten Ottobono Fieschi dei Conti di Lavagna zum Papst. Der hatte sich als Vermittler bei politischen Konflikten in England einen Namen gemacht und auch die dortige Kirche reformiert.
Ottobono gab sich den Papstnamen Hadrian V. Seine einzige nachgewiesene Regierungsmaßnahme war es, die Konklave Ordnung seines Vorvorgängers Gregor X. aufzuheben.
Hadrian V.
Geboren in Genua um 1205, gestorben in Viterbo 18.8.1276; Papst seit 1I.7.1276
Von der Wahltortur beschädigt
Seine einzige Amtshandlung als Papst bestand darin, die Regelung, der er seine Wahl verdankte, wieder zu verwässern: Nach dem Willen Gregors X. war die Papstwahl beschleunigt worden durch rasches Zusammentreten des Konklaves nach dem Tod des Amtsinhabers, aber auch durch drastische Maßnahmen, wenn die Verhandlungen sich in die Länge ziehen sollten. Das war im Sommer 1276 der Fall, und Karl von Anjou, König von Neapel-Sizilien und eigentlicher Herrscher Italiens, setzte die Kardinäle im brütend heißen Rom derart unter Druck, dass einige ernsthaft erkrankten. Sie waren hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen und wurden auf Schmalkost gesetzt, sodass sie sich schließlich schon aus Verzweiflung auf Ottobono Fieschi einigten, einen erklärten Parteigänger des Königs.
Er stammte aus der Familie der Grafen von Lavagna und war ein Neffe von Papst Innozenz IV., der ihn 1251 zum Kardinaldiakon erhoben hatte. Bewährt auf einigen diplomatischen Missionen und als Trommler für einen Kreuzzug, schien Fieschi geeignet, das politische Gewicht der Kirche zu stärken, das unter dem Vorgänger Innozenz V. nicht sonderlich zur Geltung gekommen war.
Die Rechnung wäre womöglich aufgegangen, wenn nicht die Wahltortur auch den Gewählten beschädigt hätte. Er nahm den Namen Hadrian V. an, versammelte einen Tag nach der Wahl die Kardinäle um sich und verkündete die Aussetzung des Wahldekrets seines Vorvorgängers. Dann entzog er sich der stickigen Stadt und suchte Erholung im nahen Viterbo, fand dort aber nur den Tod, ehe er auch nur geweiht oder gar gekrönt hatte werden können.
Doch Hadrian V. starb - bereits erkrankt -, bevor er überhaupt die Priester- und Bischofsweihe erhalten hatte.
Er amtierte nur 38 Tage, immerhin fünf Tage länger als Johannes Paul I. im Jahr 1978. Auf den Theologen Innozenz und den Diplomaten Hadrian folgte am 15. September 1276 der portugiesische Arzt und Diakon Pedro Juliao, geboren um 1205 in Lissabon - bis heute der einzige Portugiese auf dem Stuhl des Petrus. Wie Innozenz V. hatte auch der Arzt- und Apothekersohn Pedro Juliao in Paris bei Albertus Magnus studiert, in Salerno und Palermo vertiefte er sein Medizinstudium. Ab 1247 lebte und lehrte er einige Jahre in Siena, wo er in einem Armenviertel wohnte. Die Gegend inspirierte ihn zu seinem bekanntesten Werk: die „Schatzkammer der Armen“.
Diese Rezeptsammlung war eigens für weniger Begüterte bestimmt. Im September 1276 wählten die Kardinäle den 60-Jährigen zum Papst. Pedro Juliao nannte sich Johannes XXI. Der Arzt an der Spitze der Kirche verfasste in seiner Amtszeit von nur acht Monaten und zwölf Tagen weiter medizinisch-naturwissenschaftliche Texte.
Johannes XXI.
Geboren in Lissabon zwischen 1210 und 1220, gestorben Viterbo 20.5.1277; Papst seit 8.9.1276
Ein Naturwissenschaftler auf dem Stuhl Petri
Als die Wahl in Viterbo 1276 nicht gleich klappte, wollte der Bürgermeister zu bewährten Zwangsmaßnahmen greifen. Dem widersetzten sich die Kardinäle mit Hinweis die Aussetzung der Wahlvorschriften durch Hadrian V. Bei Bekanntwerden dieses Widerstands kam es in der Stadt zu Ausschreitungen, die dann immerhin so viel Zug in die Sache brachten, dass nach einem halben Jahr der Nachfolger feststand: Der portugiesische Arztsohn Pedro Julião sollte als Johannes XXI. den Stuhl Petri besteigen, wobei die Ordnungszahl auf einen Zählfehler zurückging, denn einen Johannes XX. hatte es nie gegeben, wie denn gerade bei diesem beliebten Papstnamen noch weiteres Durcheinander entstehen sollte. Zunächst einmal war man froh, ein neues Kirchenoberhaupt zu haben, das freilich die Geschäfte weitgehend Kardinal Orsini, dem späteren Papst Nikolaus III., überließ. Johannes selbst hing viel zu sehr an seinen naturwissenschaftlichen Forschungen, denen er seine kirchliche Karriere verdankte.
Der so hoch Gestiegene hatte ursprünglich freie Künste studiert, dann 1247-1250 Medizin in Siena gelehrt und war aufgrund seines dabei erworbenen Rufes von Gregor X. zum Leibarzt berufen worden. Das trug ihm 1273 den Kardinalpurpur und die Teilnahme am Konzil von Lyon ein. Dennoch schrieb er weiter medizinische Lehrbücher, etwa über Augenheilkunde, lieferte auch Kommentare zu Schriften des Aristoteles und beschäftigte sich mit Fragen der Logik. Insofern bot er wenig politische Angriffsflächen und wurde schließlich deswegen von der Mehrheit gewählt.
Man richtete sich bei einem so erfahrenen Arzt und robusten Mann auf ein endlich einmal wieder längeres Pontifikat ein, doch waren auch Johannes nur wenige Monate vergönnt.
Dadurch, dass er die Geschäfte der Kirche von Orsini hatte führen lassen, war die päpstliche Politik wieder mehr auf Ausgleich der diversen Interessen ausgerichtet worden: Der Italien dominierende Karl von Anjou sah sich nicht mehr so hofiert wie vom Vorgänger, dem deutschen König Rudolf von Habsburg wurde die Kaiserkrönung in Aussicht gestellt, und zu den Byzantinern nahm man erneut Kontakt auf.
Zur Förderung des Wissens ließ er an den Papstpalast eine Bibliothek anbauen. Beim Bau war wohl gepfuscht worden: Am 14. Mai 1277 wurde Johannes XXI. in seiner Bibliothek von herabstürzendem Gemäuer verschüttet. Sechs Tage später erlag er seinen Verletzungen. Am 25.November wählten die Kardinäle den römischen Adligen Giovanni Gaetano Orsini zum Papst. Als Nikolaus III. regierte dieser immerhin fast zwei Jahre und neun Monate.
Erster Teil - Anekdoten: „Von Petrus bis Benedikt XVI. – Reinhard Barth
Zweiter Teil – 4 Päpste: KNA - Konradsblatt. Nr.4. 2026, Seite 29
Überarbeitet Roland Steinfurth
Gemeinde Hl. Dreifaltigkeit Stralsund
Pfarrei Sankt Bernhard Stralsund-Rügen-Demmin
Katholisches Erzbistum Berlin
Das hier berichtete erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Liebe Gemeindemitglieder, liebe Leser, Ihre eigenen Geschichten und Episoden sind immer herzlich Willkommen.
Kommentare